Aria­ne Willikonsky

Die Red­ner­uhr

Sechs magi­sche Fra­gen zur Redevorbereitung

Ich habe den schöns­ten Beruf der Welt. Ich darf wun­der­vol­le Men­schen mit groß­ar­ti­gen The­men auf ihre Reden vor­be­rei­ten. Was könn­te schö­ner sein, als in span­nen­de The­men ein­zu­tau­chen, Impul­se zu geben und so Teil von gro­ßen Erfolgs­ge­schich­ten sein zu dürfen? 

So darf ich zum Bei­spiel seit über zehn Jah­ren bedeu­ten­de Reden, wie die Neu­jahrs­an­spra­che mit Minis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann vor­be­rei­ten. Er ist klug, reflek­tiert und warm­her­zig, eine idea­le Kom­bi­na­ti­on für eine wich­ti­ge Rede. Mit die­ser Mischung gelingt es ihm auch immer wie­der, in der Lis­te der belieb­tes­ten Poli­ti­ker Deutsch­lands ganz nach oben zu rutschen.

Ich möch­te euch ein Tool vor­stel­len, das ich erar­bei­tet habe, um Men­schen auf ihre Reden vor­zu­be­rei­ten, die Redneruhr.

Die Red­ner­uhr besteht aus sechs Fragen 

  1. Wer?
  2. Was?
  3. Für wen?
  4. Wie?
  5. War­um?
  6. Wie wei­ter?

In der Regel haben sich die Redner:innen, wenn ich sie zum ers­ten Mal sehe, haupt­säch­lich auf Punkt zwei vor­be­rei­tet. Sie ken­nen ihr The­ma und haben sich inten­siv mit dem Inhalt ihrer Rede aus­ein­an­der gesetzt. Davon, dass man über­legt vor wem man spricht, haben sie auch schon gehört, aber noch nicht in der Tie­fe nach­ge­dacht. Fra­gen haben sie beson­ders zu Punkt vier. Sie möch­ten von mir Tipps zum Set­ting, Feed­back zur Körper­sprache und Stim­me und sind bereit die Rede zu üben. Wie wert­voll ist es aber, sich mit allen sechs Fra­gen inten­siv zu beschäf­ti­gen und wie dann aus guten Reden Meis­ter­wer­ke ent­ste­hen, erstaunt sie eigent­lich immer.

Begin­nen wir mit Punkt 1: Wer bin ich?

Es ist unglaub­lich wert­voll sich zunächst über die Rol­le oder Funk­ti­on in der man die Rede hält Gedan­ken zu machen: Das ist ein ers­ter Schritt und ver­än­dert meist auch noch ein­mal die Kern­aus­sa­gen. Rich­tig span­nend wird es aber erst, wenn wir über uns selbst nach­den­ken. Wie ticke ich eigent­lich? Was zeich­net mich wirk­lich aus? Wie kom­mu­ni­zie­re ich, wenn ich ganz ich bin? Erst wenn ich die­sen Punkt klar habe, habe ich die Grund­la­ge für eine groß­ar­ti­ge Rede. Denn dann weiß ich zum Bei­spiel, ob ich mit einer freund­li­chen Begrü­ßung, einem Scherz, einer scho­ckie­ren­den Zahl, einem wich­ti­gen Fakt, einer Beob­ach­tung, einer inter­es­san­ten Geschich­te oder eine span­nen­den Fra­ge die Rede begin­nen soll. Nichts ist pein­li­cher als wenn ein sach­li­cher Typ ver­sucht, auf der Red­ner­büh­ne den Zam­pa­no zu spie­len und wie öde, wenn jeder sei­ne Key­note mit einer Fra­ge beginnt und dabei selbst den Arm nach oben reißt. Wenn wir schon zum Anfang der Rede ganz wir selbst sind, haben wir das Publi­kum am schnells­ten gewonnen.

Punkt 2: Was möch­te ich sagen?

Ich emp­feh­le zur Vor­be­rei­tung einer Rede erst ein­mal alle Infos zum The­ma zu sam­meln und auf far­bi­ge Kle­be­zet­tel zu schrei­ben. Dar­aus erar­bei­ten wir dann drei bis maxi­mal fünf Kern­aus­sa­gen. Kern­aus­sa­gen sind kur­ze, kla­re, fak­ten­ba­sier­te Haupt­sät­ze. Danach suchen wir für jeden Punkt ein bis zwei all­tags­na­he, zum Publi­kum pas­sen­de Bei­spie­le.  So ent­steht ein gro­bes Ras­ter, in das wir wei­te­re Aspek­te, wie zum Bei­spiel Ideen, Visio­nen, Zie­le, Quel­len, Fra­gen etc. hineinarbeiten.

Punkt 3: Die Lie­be zum Publikum.

Die aus mei­ner Sicht schlech­tes­ten Redner:innen sind die, die auf der Büh­ne ste­hen, weil sie sich selbst ger­ne reden hören. Davon gibt es aus mei­ner Sicht sehr vie­le, ganz beson­ders und einer Spe­zi­es, die sich selbst ger­ne Top-Spea­ker nennt und sich Aus­zeich­nun­gen und Auf­trit­te erkauft. Die­se Redner:innen ler­nen ihre Reden aus­wen­dig und reden in der Regel nicht mit dem Publi­kum son­dern über es drü­ber. Sie erar­bei­ten ihre Rede und ler­nen sie aus­wen­dig. Dann hal­ten sie sie in immer glei­cher Form, egal vor wel­chem Publi­kum sie gera­de ste­hen. Wir soll­ten statt­des­sen bereits vor dem Schrei­ben der Rede ein inner­li­ches Gespräch mit unse­rem Publi­kum füh­ren. Wir machen uns Gedan­ken dar­über, wel­che Fra­gen genau die­ses Publi­kum in Bezug auf unser The­ma haben könn­te. Auf der Büh­ne geben wir dann in Rede­form Ant­wor­ten auf genau die­se Fra­gen. So ent­steht ein wirk­li­cher Dia­log mit dem Publikum.

Punkt 4: Die Gestal­tung der Rede.

Bei der Fra­ge nach dem WIE müs­sen wir vor allem eins, an unse­ren non­ver­ba­len Kom­pe­ten­zen fei­len. Hier­zu zählt eine auf­rech­te, sta­bi­le Kör­per­hal­tung, eine akti­ve Prä­senz, leben­di­ge Ges­tik und Mimik, Blick­kon­takt, eine ange­neh­me, leben­di­ge Stim­me, eine deut­li­che Aus­spra­che, das Set­zen von Punk­ten und das Bewuss­te Nut­zen von Pau­sen. All dies gelingt nicht auf Knopf­druck son­dern Bedarf Geduld und Zeit. Wer aber wirk­lich ein Top-Red­ner wer­den möch­te, soll­te sich auf den Weg machen. Es lohnt sich, denn der Erfolg ist garan­tiert und kommt in Form von begeis­ter­ten Zuhö­rern zurück.

Kom­men wir zum wich­tigs­ten Punkt über­haupt: Dem WARUM.

Ich bin immer wie­der erstaunt, dass sich die meis­ten Redner:innen dar­über kei­ne Gedan­ken gemacht haben. Sie wissen nicht, war­um sie über­haupt reden. Bei der Vor­be­rei­tung in die­sem Punkt, reicht eine Ant­wort wie ›weil das The­ma wich­tig ist‹ nicht aus. Ich muss über mei­ne wah­ren Zie­le nach­den­ken und dabei durch­aus ein­mal einen Blick in die Tie­fe zu mei­nen inners­ten Antrei­bern wer­fen. Ich bin immer wie­der über­wäl­tigt davon, wie sehr sich die Rede auch inhalt­lich ver­än­dert, wenn wir hier Klar­heit haben.

In Punkt 6 geht es um den Redeabschluss. 

Eine Rede soll ja vor allem eins, ande­re inspi­rie­ren. Die­ses Ziel errei­chen wir mit einem wert­vol­len Call to Action, einem Appell, der sich aus dem Inhalt gepaart mit unse­rem War­um ergibt. Es ist ein, meist phi­lo­so­phi­scher Gedan­ke, der zum Nach­den­ken und Han­deln anregt und im bes­ten Fall die Welt ein Stück bes­ser macht.

Die sechs Fra­gen zur Rede­vor­be­rei­tung sind nur ein klei­nes Puz­zle­teil mei­ner Arbeit, aber mei­ner Erfah­rung nach füh­ren sie zu einem gigan­ti­schen AHA-Effekt. Sie ver­än­dern unse­re Sicht­wei­se auf unser The­ma, opti­mie­ren den Kon­takt zum Publi­kum und machen Redner:innen zu authen­ti­schen, cha­ris­ma­ti­schen, fach­kom­pe­ten­ten Gesprächspartner:innen.

Eine Rede ist im Ide­al­fall kein von einem Men­schen wie­der­ge­ben­der Text son­dern ein wert­vol­les Gespräch mit dem Publikum.

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